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Reise in die russische Provinz (Autor: Ute Scharrer)
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Mütterchen Russland zu Hause besucht

Eigentlich sollen Reisen im besten Falle zu den Menschen führen, die am Traumziel wohnen. Doch was, wenn man die Sprache nicht beherrscht und niemanden kennt, der einem vom Alltag im Urlaubsparadies berichten kann? Dann ist es gut, wenn die Reiseleiter gut vernetzt sind. Andrea Schild, die russische Literatur studiert hat, und Berno Z’Brun, nach Russland ausgewanderte Wallis-Schweizer, schwärmen auf ihrer Website vom Tee in der Datscha, vom Gießen-Helfen im Selbstversorgergarten, vom eigenhändigen Glockenläuten neben dem Wochenmarkt und Vespern im Frauenkloster, vom Bad in der heiligen Klosterquelle- und von einem Besuch auf Leo Tolstois Landsitz. Um diese Reisejuwelen zu heben, kehrt man den russischen Metropolen gerne den Rücken und folgt den beiden Exilschweizern- in die russische Provinz.

Russische Provinz

Das junge Ehepaar ist vor mittlerweile acht Jahren von einer Schweizer Stiftung nach Kaluga geschickt worden, um Bedürftigen über die übelsten Nachwehen des Zusammenbruchs der Sowjetunion hinwegzuhelfen – und ist geblieben. Die von den beiden geknüpften freundschaftlichen Bande in der Region sind ein unschätzbares Pfund, mit dem eine ganz normale Bildungsreise nicht wuchern kann.

Natürlich darf man, in Moskau gelandet, die Hauptstadt nicht einfach links liegen lassen. Doch auch hier werden ganz eigenwillige Schwerpunkte bei der „Reise in den russischen Sommer“ gesetzt. Die Top-Ten-Sehenswürdigkeiten aus den Reiseführern werden bei einem Stadtspaziergang nur kurz gestreift. Viel Zeit nimmt man sich dagegen für einen Besuch des Flohmarktes „Vernissage“ weit außerhalb des Zentrums. Beim Schlendern durch die hölzerne Budenstadt, in der neben Handwerk auch allerlei Krimskrams angeboten wird, kommt die kleine Reisegruppe aus Deutschland und der Schweiz aus dem Staunen nicht heraus: erschwingliche Pelzmützen werden unter der sengenden Julisonne aufprobiert, die fein aus Walrosszähnen geschnitzten Tierskulpturen bewundert. Den Matrjoschkas, den bunt bemalten Steckpuppen in allen Größen, Farben und Themenstellungen entkommen zu wollen, ist sinnlos- angeboten werden aber auch bunte Stoffe und Nippes aus der Sowjetzeit.

Und gegen Abend wird dann nicht der klimatisierte Reisebus bestiegen, sondern ganz stilecht die Elektritschka, die Regionalbahn. Und so fängt die einwöchige Spurensuche im stabilen Hoch des russischen Sommers dann an: mit einer ruckelnden 170-km-Fahrt in die 320 000 Einwohner zählende ehemalige Kaufmannsstadt Kaluga, wo u.a. Volkswagen mit einem riesigen Werk für eine stabile Konjunktur sorgt. In der Elektritschka funktioniert Schwarzfahren so: wenn sich die Fahrkartenkontrolleure an einer bestimmten Station bis zur Mitte des Zuges vorgearbeitet haben, sieht man die bisher im hinteren Teil des Zuges versammelten Schwarzfahrer gemeinsam an den Fenstern vorbei sprinten, hin zu den vorderen Waggons. Wegen ihres fixen Galopps über den Bahnsteig werden sie „Karnickel“ genannt und ihre Taktik scheint immer wieder aufzugehen.

Datschagarten

In Kaluga selbst begegnet man ihr dann, dieser fesselnden Mischung aus Alt und Neu, aus dem Festhalten an Altvertrautem und dem Streben nach allen Aspekten der modernen Welt, das für Russland ebenso typisch ist wie für den Rest der Welt. Und auch nie Bilder im Kopf finden hier ihre Entsprechung: goldene Klosterkuppelchen, die aus Birkenwäldern hervorspitzen, schwarzgrundige Kopftücher mit prachtvollen Rosenmustern, Gastfreundschaft, Blini und Wodka.

Gastfreundschaft und Blumenmuster begegnen uns bald auf Schritt und Tritt. Svetlana hat uns zu Tee und Süßigkeiten in ihr Haus eingeladen. Blumen sind das wiederkehrende Motiv dort. Mit einer Wucht und in einer Größe, die den Deutschen zuletzt in der Gründerzeit begegnet sind, mäandern Rosen und Päonien über die Tapeten, an den Ikonenwinkeln vorbei bis auf Teetassen  und Textilien und bekräftigen die ausgeprägte Fähigkeit der Bewohnerin, aus nicht so viel eine ganze Menge zu machen. Übertroffen wird die Pracht der Blumen innen nur noch von dem gebändigten Wildwuchs draußen im ebenso nutzbringenden wie schönen Garten. Dort nicken Blütenköpfe und wurzeln beeindruckende Kohlköpfe, die im langen Winter neben farbenfroh und nahrhaft gefüllten Einmachgläsern im Erdkeller unterkommen. Fasziniert beobachten die Gäste Kartoffelkäfer im kleinen Erdäpfel-Feld. Zu Hause haben wir die Schädlinge schon lange nicht mehr gesehen - alles „bio“ im russischen Selbstversorger-Garten.

Aufgetischt in Russland


Die persönlichen Kontakte der Reiseleitung öffnen den eigentlich Fremden Stuben- und Datschatür und lässt sie der Bewirtung mit Tee, raffiniertem Gebäck, selbstgemachter Konfitüre und ganz unabhängig von der Tageszeit einem Gläschen eisklirrenden Wodkas teilhaftig werden. An der Hauswand prangt das Blechschild mit der Belobigung aus Sowjetzeiten für lobenswerte Instandhaltung neben der Satellitenschüssel. In der bunt bemalten Holzdatsche mit den kunstvoll ausgesägten Fensterlaibungen sind außerdem Isolierglasfenster der letzte Schrei. Was wir Europäer als Stil-Entgleisung empfinden, ist im russischen Winter ein Riesen Pluspunkt. Denn auch die winzigen „Fensterchen im Fenster“ findet man noch im historischen Viertel von Kaluga mit den farbig gestrichenen Holzhäusern: wurden gegen den unbarmherzigen Frost draußen die Fenster von innen verklebt, dann blieb für die Luftzufuhr dieses letzte Loch stets offen stehen.
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