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Danzig und Nordpolen (Autor: Carmen Caputo)

Landung am Airport Lotniczy Lecha Walesy. Der Gewerkschaftler wird uns hier noch oft begegnen. "Dzien` dobry". Die Begrüßung in Polnisch ist ungewohnt. Draußen bläst der Wind uns eisige Regentropfen ins Gesicht. Der einzige Bus in die Stadt fährt uns vor der Nase weg, der nächste kommt in einer Stunde. Ich habe Hunger, Paolo ist müde. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen spannenden Kurzurlaub. Es wird auch nicht besser, als wir am Hauptbahnhof Gdansk Glowny aussteigen, die Regenverdecke an unseren Rucksäcken befestigen und Richtung Hotel laufen. Nach Bezug des Zimmers laufen wir nun mit Schirm und dicker Jacke in die G?ówne Miasto, der sogenannten Rechtstadt Danzigs (Altstadt).

Altstadt Danzig

Mal sehen, ob die Stadt das hält, was mein Reiseführer über die fast völlig zerstörte und nach alten Plänen restaurierte Hansestadt verspricht. Und tatsächlich. Kein Wunder, dass der Weg an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorbei Königsweg genannt wird. Durch das Hohe Tor (Brama Wy?ynna) ziehen wir wie einst die Könige in die Stadt ein und bleiben fasziniert vor jedem Gebäude stehen. Ob das Goldene Tor (Z?ota Brama), die Langgasse (Ulica D?uga), Artushof und Neptunbrunnen, Frauengasse, grünes Tor oder Kohlenmarkt, der erste Eindruck ist bereits überwältigend. Durch kleine Treppenaufgänge erhöht stehend reiht sich ein Haus nach dem anderen in bunten Farben an das nächste. Im Innern bieten gemütliche Lokale leckere Piroggen (gefüllte Teigtaschen), "Goldwasser", dem Danziger Kräuterlikör mit echten Blattgoldflittern und Souvenierläden Bernstein an. Die Stadt nimmt uns gefangen. Und das bei Sturm und Regen. Wie atemraubend muss das erst bei schönem Wetter sein? Wir laufen am Flüsschen Mottlau hinunter, am Wahrzeichen der Stadt, dem mittelalterlichen Krantor, vorbei, von wo aus Ausflugsboote in See stechen oder kleine Fähren Konzert-Begeisterte zur neuen Philharmonie hinüber bringen. Danzig ist eine pulsierende und zugleich gemütliche Stadt, in der es in jeder Straßenecke wieder etwas Neues zu entdecken gibt.

Krantor in Danzig

Zaspa - fast die größte Open-Air- Galerie der Welt

Am nächsten Morgen scheint zwar die Sonne, aber der Wind bläst fast wie ein Orkan. Wir trotzen dem Wetter und die SKM-Stadtbahn anscheinend auch. Völlig unbeeindruckt vom Sturm spuckt sie uns pünktlich in der Plattenbausiedlung Zaspa aus. Wir wollen uns die berühmte Streetart an den Häuserwänden ansehen. Ein Geheimtipp meines Reiseführers. Und tatsächlich. Außer uns lässt sich kein anderer Tourist blicken. Auf einem ehemaligen Flugfeld erbaut erschlägt uns die Hochhäusersiedlung erst einmal. Jedes der riesig hohen Häuser ähnelt dem nächsten und die Orientierung fällt schwer. Um der Eintönigkeit grauer Betonwände zu entfliehen entstehen hier seit 1997 künstlerische Wandmalereien an den seitlichen Außenwänden. Insgesamt 45 sollen es sein, und jährlich kommen wieder einige dazu. Wir sind begeistert. Graffiti kennt jeder, aber in einem solchen Ausmaß - das haben wir noch nicht gesehen. Schade nur, dass das Viertel unübersichtlich groß ist und wir nach 10 gefundenen aufgeben müssen. Aber das, was wir gesehen haben, erscheint uns einzigartig und reicht aus, um Zaspa tatsächlich als einen Geheimtipp anzusehen.

Streetart in Danzig

Sopot - wo einst die Könige kurten

Auch, wenn wir wettermäßig gut ausgerüstet sind, so fallen oder stehen doch die meisten Reisetage mit dem Wetter. Wir sind zufrieden mit der Herbstsonne und ignorieren den weiterhin sturmartigen Wind. Mit fest verschlossener Jacke steigen wir wieder in die Bahn. Wir wollen nach Sopot, einem kleinen Kurort, 30 km nördlich von Danzig. Hier macht der Nahverkehr richtig Spaß. Alles überraschend sauber und vor allem preiswert. Für umgerechnet 80 Cent fährt man eine gute halbe Stunde lang. Vorbei an den riesigen Kran-Anlagen der Danziger Lenin-Werft, die nur auf den ersten Blick hin verlassen wirken. Einst berühmt geworden durch den aufmüpfigen Gewerkschaftler Lech Welesa nutzt heute die junge Kunst- und Kulturszene die alten verlassenen Werfthallen, aus denen am Abend polnischer Rock dröhnt und sich Graffitikünstler schrillbunt verwirklichen. Sopot, der als einer der schönsten Badeorte Polens gilt, macht seinem Ruhm tatsächlich Ehre.

Krummes Häuschen in Danzig

Vorbei am krummen Häuschen (poln. Krzywy Domek), das leider nur von außen krumm erschaffen worden ist, an Badehäusern und kleinen Läden, laufen wir hinunter zur Hauptattraktion Sopots: der zur Zeit längsten Holzmole Europas, mit 511 m schon sehr beeindruckend. Davor stehen im Halbkreis aufgebaute Überdachungen, wo man gemütlich sitzen und aufs Meer hinausblicken oder an einen der Souvenirstände entlang bummeln kann. Wir entscheiden uns aufgrund des nicht nachlassen wollenden Sturms nach einem kurzen Strandspaziergang für die heimischen Leckereien: Gofrys. Richtig dicke weiche Waffeln mit Sahne obendrauf. Hmm... Und nur kurz denken wir darüber nach, dass in Sopot der Edgar-Wallace-Schauspieler Klaus Kinski geboren ist.

Auf nach Hel oder der Strand nimmt kein Ende

"Where is the beach?", frage ich gleich nach der Ankunft mit dem Zug bei dem kleinen Informationsbüro am Anfang der Stadt. "The beach?". Die ältere Frau sieht mich irritiert an. "Left, right..." Dann zuckt sie mit den Schultern und drückt mir einen Stapel Prospekte samt Stadtplan in die Hand. Beim Blick auf den Plan erklärt sich ihre merkwürdige Art von selbst. 35 km ragt die, an manchen Stellen nur 150 m breite Halbinsel ins Meer hinein, durch kleine verschlafene Orte unterbrochen und natürlich ringsherum von Strand umgeben.

Zauberhafte Lokale in alten Fischerhäuschen, in denen man zwischen staubigen Netzen und gruseligen Holzpiraten frischen Fisch essen kann, kriechen die malerische Hauptstraße hinauf, am Hafen vorbei bis zum Leuchtturm. Auf die zahlreichen Bunkeranlagen weiter nördlich verzichten wir und geben uns stattdessen nach einem ausgiebigen Strandspaziergang einer heißen Schokolade hin, bevor unser Zug die 1,5 Stunden in polnischer Bummelart gen Danzig zurückfährt.

Strand bei Danzig

Danzig und Umgebung - Fazit
Polen hat uns tief beeindruckt. Wir haben die schönsten Gebäude gesehen, haben super lecker gegessen, sind an den längsten Stränden entlang gegangen, haben modernste Einkaufsgalerien gesehen, haben die Plattenbausiedlung Zaspa als Open-Air-Galerie besichtigt, aber wir haben auch viele alte Mütterchen gesehen, die in der Kälte sitzend sich mit kleinen aus Herbstblättern gebundenen Sträußen ihre karge Rente aufbessern.
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