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Wintertour in Norddeutschland

von Iris Höfling

Tipps

Ich kann es nicht mehr hören!! Dies geht nicht, das geht nicht und jenes geht gar nicht. Ich will wissen: WAS GEHT?

Ich berichte Freund Reinhold von meinem Plan. Der schaut mich schräg an und sagt: „Na dann…viel Spaß!“ Ich frage meinen Vierbeiner nach seiner Meinung. Und Jacinto schaut mich an und wedelt mit dem Schwanz. Alles klar, wir beide machen das.

Ich besorge für Jacinto ein Winterfräckchen namens „Amundson“. Das sollte wohl warm genug sein. Oder bedeutet der Name, dass der Hund unterwegs als Proviant dienen wird?

Dann packe ich den Rucksack und stelle fest: Da passt ja gar nicht alles rein, was ich brauche! Da müssen Teile draußen dran gehängt werden. Denn weniger hieße in diesem Fall nicht mehr, sondern kalt.

Dann schultere ich das Teil und verschließe hinter mir die Haustür. Wann habe ich zuletzt so ein Gewicht durch die Gegend geschleppt…? 

Fast gleichzeitig fängt es an zu schneien. Jacinto trägt zunächst nicht „Amundsen“, sondern seinen langbeinigen Regenschutz. Damit seine Beine nicht voller Schneebälle hängen.

Zuerst durchqueren wir unsere kleine Großstadt. Großenteils auf einer Fahrrad-Fußgänger-Trasse. Selbst mein täglicher Arbeitsweg sieht im Schnee fremd aus. Der Weserdeich in der Stadtmitte, normalerweise Hauptspazierroute, ist dank tüchtigem Wind, Schneetreiben und Nebel fast menschenleer.

Jacinto genießt den Freilauf und den Schnee, der alte Hund hüpft vor mir her. Ich hüpfe nicht, ich balanciere den Rucksack. Weiter geht es nach Norden durch einen Park mit Bockwindmühle auf einem kleinen Hügel. Heute fahren die Kinder mit dem Schlitten hinunter.

Dann unterqueren wir die Eisenbahn und schon haben wir nicht nur unsere Stadt, sondern auch das Bundesland verlassen. In Niedersachsen sind es nur noch wenige Kilometer, bis ich mit einem großen Schlüssel das alte Törchen zu einem verwilderten Grundstück aufschließe. Inzwischen liegen mehr als 10 cm Schnee, für hiesige Verhältnisse sagenhaft. 

Hier wird mir Fehler Nummer eins dieses Unternehmens klar: Die Leichtwanderstiefel haben nicht dicht gehalten und die Socken sind nass. Aber ich habe keinen Ersatz dabei. Auch keine anderen Schuhe.

Ich packe den Rucksack aus und das kleine Zelt zwischen den Büschen auf.

Jacinto bekommt eine eigene Isomatte und seinen kleinen Schlafsack, den ich irgendwann mal als Schnäppchen mitgebracht hatte. Kaum ist alles aufgebaut, liegt Jacinto auf der Matte, um nur noch einmal am Abend zum Pieseln rauszugehen und ein wenig zu fressen. Dann schläft er, vergraben im Schlafsack und verdeckt mit meiner gefütterten Jacke, bis zum Morgen. Ich tue es ihm nur für eine Stunde nach, dann koche ich Teewasser und erhitze mein Abendessen.

Und ich merke: Fehler Nummer zwei! Die Gaskartusche bringt bei der Kälte kaum Leistung. Ich muss die Kartusche, die im Betrieb ja sowieso noch kälter wird, mit den bloßen Händen wärmen, so kommt das Wasser zum Kochen. Anschließend wärme ich die Hände an der Teetasse wieder auf.

Dann lese ich stundenlang in meinem Buch und kann mir dabei warme Gedanken machen. Denn der Krimi spielt im Périgord in Süd-Frankreich.

Das ändert aber nichts an Fehler Nummer drei: trotz Zeltunterlage und dicker Isomatte kommt die Kälte von unten. Zum Glück habe ich einen winzigen Biwaksack aus dem gleichen Material wie die Notfalldecken dabei. Den lege ich auf die Matte. Und das Sitzkissen unter das Gesäß. Und lege mich halb auf Jacintos Matte, denn der hat sich die bessere ausgesucht. Aber Wintermatten sind es beide nicht.

Als ich mit dem Tageslicht aufwache und gegen die Zeltdecke stoße, fallen kleine Eisplättchen herunter. Das Kondensat ist gefroren!

Dann nehme ich die Gaskartusche aus dem Schlafsack, wo sie warm gehalten werden sollte. Trotzdem müssen meine Hände wieder für Leistung sorgen. Aber der Tee ist bald fertig und zwei Eier gekocht. Denn gleich kommt meine Freundin mit Frühstück! Gemeinsam frühstücken wir vor der Hütte und freuen uns über den verschneiten Anblick der kleinen Wildnis.

Sogar einen Becher heißen Kaffes mit Milch hat sie mitgebracht! Super!

Der Schlafsack ist nass, das Zelt knistert vom Eis und eine Isomatte passt nicht mehr in den Sack. So packt Christiane das alles in ihr Auto und ich kann mit leichterem Rucksack weiter wandern. Sie begleitet uns mit ihren zwei Hovawarten noch eine gute Strecke.

Es ist herrliches Wetter. Blauer Himmel, Sonne, aber kalt genug, dass der Schnee nicht taut. Noch ein vierter Fehler unterläuft mir: ich habe die Isoflasche mit Tee gefüllt und nun kein Wasser für Jacinto! Ich sammle Schnee in die Emaille-Tasse und trage sie unter der Winterjacke. Alle zwei Kilometer ist genug getaut, dass Jacinto davon trinken kann.

Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Ziel am Deich in Wremen. Wunderbar ist der Blick auf die See, den Leuchtturm und die Kutter im Hafen. 

Freund Reinhold ist schon mit dem Auto dort und gemeinsam fahren wir nach Hause. Die Nachbarn haben sogar den Bürgersteig frei geschaufelt! 

Mein Fazit: Das geht doch! Ein Abenteuer, auf das ich nicht gekommen wäre, wenn ich im Harz Winterwanderungen hätte machen können. Auch wenn ich durchaus Verbesserungspotenzial bei so einem Unternehmen sehe…