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Wanderung im Piatra Craiuliu Gebirge Rumänien

von Lars Korff

Tipps

Samstag, der 10. August

Mit leichten Verspannungen im Nacken wachte ich auf. Während ich fest auf die verspannten Stellen drückte, nahm ich das leichte Plätschern das Baches wahr, der nur ein paar Meter entfernt von meinem Zelt floss. Es war erst halb sechs und die Sonne würde noch eine Weile brauchen, bis sie in das enge Tal eindringen konnte. Ich kochte mir einen Kaffee und bereitete mir mein Standardfrühstück vor, wenn ich zelte: Ein Müsli mit aufgekochtem Wasser und einer zermatschten Banane. Die Jungs und Mädels nebenan in den Zelten schliefen zu diesem Zeitpunkt noch, wie ich vermutet hatte. Es war noch recht dunkel, was nicht zuletzt an den dichten Wolken über mir lag. Sie hingen so tief, dass ich ihre sprühende Nässe beinahe im Zelt spüren konnte.

Es war zwar luxuriös, im trockenen Zelt zu frühstücken, doch kurz nachdem ich mein Zelt abgebaut hatte und damit beschäftigt war, meinen Schlafsack in den Packsack zu pressen, fing es an zu regnen. Ich ärgerte mich ein wenig, dass ich wenige Minuten zu spät dran war, denn so hatte ich das Pech, einige Sachen nass einpacken zu müssen. In der Hoffnung, die Regenwolken würden nur durch das Tal ziehen, sodass ich die Sonne in den höheren Lagen wieder sehen konnte, begann ich den steilen Anstieg am Berg. Mein erstes Ziel sollte die Berghütte „Cabana Curm?tura“ sein. Der Waldboden war recht feucht und matschig und machte es schwierig, festen Halt zu finden.

Das Wetter besserte sich leider nicht, denn es fing wieder an zu regnen und mit 20 Kilo auf dem Rücken fühlte sich der Beginn meiner Wanderung schon an, wie ein anstrengendes Rückentraining. Und nachdem der Nieselregen sich zu einem konstanten Platzregen entwickelte, suchte ich irgendwann Schutz unter einem Baum. Dort musste ich mein Tagebuch in einen wasserdichten Packsack stecken. Ich wählte eine Tanne, da ich beobachtete, dass die Regentropfen weiter außen abtropfen als an Buchen oder Eichen, dessen gewundene Äste mit ihren Blättern das Wasser sehr viel großflächiger verteilen. Mein Tagebuch sicher verstaut wartete ich darauf, dass der Regen schwächer wird, doch daraus wurde nichts. Viel eher wähnte ich mich in einer Waschmaschine. Umso erschrockener war ich, als in diesem gießenden Regen plötzlich eine Person auftauchte. Konzentriert herein blickend und dick eingepackt in ein Regencape mühte sie sich den mittlerweile sehr schlammigen Weg hinauf und wich dabei immer dem sich entwickelnden Rinnsal aus.

Bei näherem Hinsehen erkannte ich einen etwas älteren Wanderer. Ich grüßte ihn verhalten in dieser Ausnahmesituation und wie aus dem nichts, sammelte sich daraufhin vor mir immer mehr Wanderer. Etwa dreißig bis vierzig Stück waren es, nachdem alle den Sammelpunkt an meinem Baum erreichten. Zunächst war ich etwas überfordert, dann war ich mir sicher, dass es eine geführte Tour sein musste. Für mich war es eine absurde Situation, die Gruppe so laut und aktiv zu sehen, während ich unter dem Baum kauerte. Viele fluchten noch ein wenig, wieder andere hatten diese Phase wohl schon durchgestanden und lächelten mir, wenn auch ein wenig gequält, zu. Da saß ich nun ganz alleine, nur zwei Meter neben ihrem Treffpunkt. Ein weiteres Mal sah ich mich mit der Fragestellung konfrontiert, ob ich nun lieber alleine oder in einer Gruppe unterwegs sein wollte. Ich fühlte mich zwar wie von einem anderen Stern, verspürte jedoch keinerlei Drang, mich von meinem Planeten hinfort zu bewegen. Deswegen kam ich zu dem Schluss, dass ich lieber alleine wandern wollte. So hatte ich das Gefühl, der Natur viel näher zu kommen und viel eher in der Lage zu sein, mit ihr kommunizieren, auch in dieser eher unangenehmen Situation.

Nachdem die Gruppe vollzählig war und die führenden Person der Gruppe motivierend signalisierte, weiter zu ziehen, war ich froh, mich wieder auf mich konzentrieren zu können. Die Bäume wiegten hektisch im Wind und der prasselnde Regen sprühte in alle Richtungen, manchmal auch vom Boden aus in mein Gesicht. Nichts blieb trocken außerhalb meines Packsacks mit den wichtigen Gegenständen und auch dort musste ich schauen, dass die Feuchtigkeit sich keinen Weg dort hinein bahnt. Es war in diesem Moment mein empfindlichster Punkt. Mein verwundbarer Schatz, den es vor schädigenden Einflüssen zu schützen galt. Ich steckte ihn mir unter das T-Shirt an den Bauch, legte meinen Poncho über mich und harrte darunter aus in der Hoffnung, der Regen würde nachlassen. Unter meinem Regenschutz nahm ich eine alte Erinnerung aus meinem Leben in Verbindung mit einem Gefühl von Gemütlichkeit wahr. Vor meinem Auge tauchte die Situation auf, wie ich als Kind Höhlen unter meinem Schreibtisch gebaut hatte. Ich sah mich für einen Moment unter dem Tisch sitzen, geschützt durch einen Tisch und eine Decke auf die äußere Welt blickend. Diese Erinnerung brachte mir auf einmal einen Schub Energie in meine Glieder und motivierte mich, aufzustehen. Ich schüttelte mich, ignorierte jedes Unwohlsein, dass sich durch die Nässe und Kälte ergab und mühte mich wie ferngesteuert den nassen Hang hinauf.

Immer wieder musste ich kleinen Sturzbächen ausweichen, die sich gebildet hatten. Nach einer Weile gelangte ich auf ein offenes Feld, auf dem ich Schafe vernahm. Auf der hügeligen Ebene hatte ich nur eine Sicht von wenigen Metern und ich wusste nie genau wo die Schafe stehen. Nur das Klingeln der Glocken hörte ich um mich herum. Ich fühlte mich wie in einem Traum. Von allen Seiten erklangen die Glocken um mich herum. Mal lauter, mal leiser je nach Entfernung und Stärke des Regens, der immer noch gnadenlos prasselte und die Pfützen um mich herum schnell anschwellen ließ. Mittlerweile war ich völlig durchnässt und es ging nur noch darum, zur Hütte zu gelangen und mich aufzuwärmen. Nachdem ich die Ebene überquert hatte, gelang ich wieder in den Wald. Wie bei einem Spiel auf dem Pausenhof musste ich einige Abschnitte hüpfend überwinden. Doch als ich auch diese Aufgabe gelöst hatte, erschien die Hütte wie aus dem Nichts vor mir im Nebel auf. Ich trat ein und innen drin war es unerwarteter weise sehr beschäftigt. Die Gruppe, die ich zuvor noch an meinem schützenden Baum getroffen hatte, saß gut gelaunt an den Tischen, aß Suppe und trank Tee oder ein Bier. Eigentlich wünschte ich mir in diesem Moment mehr Ruhe und Trockenheit, was ich beides leider nicht vorfand.

Durch die Menge an nassen Leuten war es natürlich auch sehr warm und dementsprechend feucht im Raum. Eine „leckere“ Mischung aus Essen, Schweiß und Regen, die so vor sich hin kondensierte. Nachdem ich mir die Schuhe ausgezogen hatte und aufgrund des Geruches der Socken froh war, dass sich in meiner unmittelbaren Nähe keine Person befand, sagte der Tourguide irgendetwas mit „Palinka“. Ich wusste, gleich geht’s weiter, denn auch wenn ich die Sprache nicht verstand, erkannte ich an der Mimik und Gestik des gut gelaunten Mannes, dass er „Noch einen Schnaps und dann weiter?“ gesagt hatte. Das versteht ein jeder Wanderer. Nachdem die Gruppe dann wieder nach draußen verschwand, war ich der Einzige in der Hütte. Ich aß eine Suppe, trank einen Kaffee und wusste bereits zu diesem Zeitpunkt, dass ich nach meiner Wanderung auf jeden Fall einen trockenen Platz brauchte. Ich buchte mir also ein Zimmer in Zarnesti, zwang mich wieder in meine nassen Socken und weiter ging es.

Ein Dreieck in rot und weiß auf Bäumen gestrichen wies mir den Weg und langsam kam ich wieder auf Touren. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, und ich konnte sogar eine kleine Aussicht genießen mit Sicht auf eine Weide mit Schafen und einer zerfallen Jägerhütte. Bei dem Nebel, der schon seit mehreren Stunden herrschte, war dies eine echte Wohltat für meinen Kopf. Ich gelang dann in einen Wald voller essbarer Pilze und stellte mir einen leckeren Pilzeintopf vor, den ich im Trockenen zubereitete und schließlich verspeiste. Das ließ mich ebenfalls motivierter weiterlaufen und erinnerte mich daran, dass es keinen Sinn macht, sich über Dinge – in diesem Fall die Feuchtigkeit – die man nicht ändern kann, aufzuregen. Ich erklomm ein paar starke Steigungen und musste mich regelmäßig motivieren, weiter das Tempo zu halten, denn der Rucksack war für so eine Wanderung eigentlich zu schwer und mein Ziel war noch einige Kilometer und Höhenmeter entfernt. Eine Wahl hatte ich demnach nicht.

Eine Zeit lang schaute ich geistesabwesend auf den Boden, während ich lief. Mir fielen die Steine auf dem Boden auf, die wie glänzende Edelsteine aussahen. Ich sammelte ein paar davon und umschloss sie fest mit meiner Hand. Auch dies gab mir weitere Energie. Es ging immer tiefer in den Wald hinein und auch große Felsbrocken, an denen sich viele kleine Bäumchen klammerten, versperrten immer öfters den Weg. Kleine Bäche, an dessen Ufer weiches Moos wuchs, schlängelten sich zwischen den Bäumen hindurch und auch diese musste ich umgehen, um nicht wieder das Wasser in den Schuhen stehen zu haben. Ab und zu schaute ich hinauf zu den Bergen, die jedoch bereits etwa fünfzig Meter über mir im Nebel verschwanden. Den Rücken des Berges, den ich mir so beeindruckend vorgestellt hatte, wurde einfach verschluckt.

Dann kam ich an eine Weidefläche namens „La table“, an der es eine Quelle gab. Ich füllte meine Wasserflasche auf und sah auf einem rostigen Schild, dass es noch etwa dreieinhalb Stunden bis nach Zarne?ti dauerte. Das versetzte meiner ohnehin geschwächten Motivation einen weiteren Schlag und leicht verzweifelt stand ich an der Wegkreuzung und nahm ein weiteres Mal das Erstarken des unerbittlichen Regens wahr. Aber was waren meine Optionen? Ich konnte nur weiter machen. Ich ging unter einem Baum, zog mir mein unbequemes Regencape wieder an und kam an eine Biegung, hinter der ich eine Schafherde bemerkte. Diesmal konnte ich sie nicht nur hören, sondern auch leicht verschwommen sehen. Sie hatten kreisrunde, geringelte Hörner und standen ganz ruhig auf einer kleinen Erhöhung. Da der dichte Nebel den Fuß dieser Erhöhung verdeckte, schien diese Erhöhung zu schweben, wie ein kleiner Planet.

Diese dichten, dunklen Tannen zeichneten sich wie in einem Schwarz-Weiß Bild ab, als ob sie den Planeten ringsherum bewachten. Plötzlich hörte ich überraschend Hundegebell aus der Nähe. Dann sah ich ihn. Aus dem Nebel tauchte blitzschnell ein riesiger Hund auf. Er blieb stehen, bellte ein paar Mal und kurz darauf rannte eine Gruppe riesengroßer Hunde auf mich zu. Schnell kamen sie näher, ich wusste nicht was ich machen sollte. Mit meinem riesigen Rucksack, über dem ein Poncho hing, sah ich wahrscheinlich bedrohlicher als normal aus. Während mir noch ein paar Sekunden blieben, bis die Hunde mich erreichten, sah ich, wie auf der Erhöhung aus dem Nichts ein Schäfer auftauchte. Er rief, pfiff und gestikulierte wild umher, was jedoch in der chaotischen Situation unterging und rein gar nichts brachte. Dann stand die bellende Meute bis einen halben Meter vor mir. Bedrohlich, zähnefletschend und aufgepeitscht schienen sie sich abzusprechen, was mit mir zu tun sei. In dieser Sekunde war ich überzeugt davon, dass ich gebissen werde, ich wusste nur nicht wann. Immer näher kamen sie und schienen auszutesten, welche Reaktion ich zeige.

Ich schaute verzweifelt um mich. Ich stand in einem Hohlweg, dessen Ränder etwa zwei Meter hoch waren und sah aus dem Augenwinkel, dass links und rechts von mir ein paar Hunde die Ränder hoch liefen. Ich ging rückwärts. Ein falscher Stein auf dem Weg und ich wäre zu Boden gefallen. „Kreist mich nicht ein. Kreist mich nicht ein. Überholt mich nicht“, dachte ich als noch einer auf die Seite des Weges ging. Wie elektrisiert setzte ich einen Schritt hinter den Anderen und versuchte, keinem den Rücken zuzuwenden. Das röchelnde, rasselnde Einatmen der Hunde wirkte bedrohlicher als das Bellen an sich und beim Einatmen sah man die gefletschten, weißen Zähne noch viel deutlicher. Ich faselte irgendwelche unbekannten Wörter ohne Pause, um so viel Entspannung wie möglich in die Stimme zu legen. Ich wusste, dass sich Hunde daran orientieren, wie man klingt. Doch wo sollte ich diese Entspannung her holen? Ich klammerte mich an den Gedanken, dass sie nur ihre Schafe verteidigen und je weiter ich mich rückwärts von ihnen wegbewegte, desto weniger Gefahr bedeutete ich.

Es war beinahe unmöglich, nicht in Panik auszuarten und Fehler zu machen bei den ganzen Reizen, die um mich wirkten. Das Gebell vermischte sich zu einem Lärm, der mich zu lähmen schien. Und doch stoppten nach einer gefühlten Ewigkeit zwei Hunde ihre Pirsch und blieben stehen. Dies gab mir Hoffnung, dass es doch gut ausgehen könnte. Ich ging ein wenig schneller rückwärts und ein weiterer blieb stehen. Doch trotz dieses kleinen Hoffnungs- und Energieschubs kamen zwei Hunde von der Seite so dicht an mich heran, dass ich mich wunderte, noch keinen Biss zu spüren. Noch immer bellten alle Hunde gemeinsam in einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Ich fragte mich, falls ich verletzt würde, ob der Schäfer mir helfen könnte und ob er überhaupt Englisch verstand. Dann verstummte das Bellen völlig und die Stille, die sich daraus ergab, löste einen kalten Schauer auf meiner Haut aus.

Erst jetzt fühlte ich, wie mein ganzer Körper von einer dicken, klebrigen Schicht Schweiß bedeckt war. Das Adrenalin in meinem Körper setzte so viel Energie frei und doch konnte ich mich in diesem eingefrorenen Moment nicht bewegen, wie eine Fliege gefangen im Spinnennetz. Die Hunde blieben stehen. Einer schüttelte sich, ein Anderer legte sich auf den Boden ab und gähnte, wiederum ein Anderer markierte einen Busch. Trotzdem blieben alle Augen auf mich gerichtet, prüfend, was ich nun tun würde. Ich war gelähmt. Oder doch nicht? Ich spürte mich atmen, was mir ein wenig Kraft gab und ohne es bewusst zu planen, ging ich einen weiteren Schritt zurück und sagte deutlich: „Ich gehe jetzt. Ihr seid sicher.“ Ein weiterer Hund legte sich auf den Boden und leckte an seinen großen Pfoten. Dies nahm ich als Zeichen. Ich ging noch einen Schritt zurück und hörte, wie die Steine unter meinen Füßen knirschten. Noch immer war es still um mich herum, doch immer mehr Töne drangen zu mir. In der Ferne hörte ich sogar einen Vogel zwitschern.

Schritt für Schritt entfernte ich mich von der Gruppe, die besänftigt schien und das erste Mal konnte ich ganz kurz hinter mich blicken. Eine Kurve nahte und sobald ich diese erreicht hatte, würden die Hunde aus meinem Sichtfeld verschwinden. Meine Füße trugen mich bis dorthin und die vorhin noch so bedrohliche Meute verschwand. Wie ein Reissack, den man komplett aufschlitzte, sackte ich in mich zusammen, schaute in den grauen Himmel und beobachtete meinen Puls, wie er sich allmählich senkte. Ich hatte es überstanden und kein Hund oder Schäfer kam mehr zu mir, was mir nur recht war. Der Vorteil an der ganzen Geschichte war, dass mir die Nässe oder Schwere des Rucksacks kein bisschen mehr ausmachte, so glücklich und dankbar war ich , mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Ich weiß, dass Hunde erst sehr spät beißen, aber diese Hunde ähnelten eher wilden Wölfen als trainierte Hütehunde und dementsprechend hätte es mich nicht gewundert, nun einen Finger oder eine Hand weniger zu besitzen. Ich prüfte, ob ich wieder laufen konnte und dies klappte glücklicherweise erstaunlich gut. Das Adrenalin wirkte noch und trug mich eine Stunde über die Waldwege, bis ich am Waldrand endlich erste Felder und dahinter das Dorf Magura sehen konnte, ein erstes Zeichen von Zivilisation.

Dort klarte auch der Himmel sichtlich auf und ich wusste, dass ich in Kürze die Straße Richtung Zarnesti erreichen würde. Ein unglaublich stärkendes Gefühl, viel mehr noch als das Adrenalin nach dem Erlebnis mit den Hunden. Ich kam dann um etwa um acht Uhr abends mit meinen letzten Kräften an meiner zuvor gebuchten Unterkunft an. Dusche, Wärme, Trockenheit – ein Gefühl von schützender Glückseligkeit legte sich über mich, die vorher noch von einer dicken Schweißschicht überdeckt wurde. In der Unterkunft traf ich auch Chaim, einen Backpacker aus Israel. Er war bereits zwei Tage hier und hatte eine gemütliche Jogginghose an – auf die ich ein bisschen neidisch war, da ich diese wegen des Gewichtes des Rucksacks in Köln gelassen hatte – und saß in seinem Zimmer auf dem Bett. Er hatte kurze Haare und seine blaue Kippa schien seine Halbglatze beinahe perfekt abzudecken. Chaim und ich unterhielten uns, als ob wir uns kannten.

Als er mir sagte, dass er gerade aus Brasov kam, war ich sehr interessiert, was er dort gemacht hat. „Ich müsste wahrscheinlich sowieso von dort aus trampen, um in die Wallachei, den Süden Rumäniens zu gelangen, also könnte ich dort vielleicht auch einen Tag bleiben. Kannst du mir dort etwas empfehlen? Vielleicht einen schönen Platz zum Tagebuch schreiben?“, fragte ich ihn. Chaim überlegte nicht lange: „Was du auf jeden Fall machen musst, ist „Aquarmony“. Das ist in so einem kleinen Spa – Laden, in dem auch Massagen und so angeboten werden. Es ist eine Kabine, in dem man frei von allen Sinneseinflüssen im Salzwasser liegen kann. Die Kabine kann man abdunkeln und sie ist schallisoliert. Es fühlt sich ein bisschen so an wie im Weltraum.“

Mein Interesse war definitiv geweckt. Ich beschloss, einen Wellness Tag einzulegen und zwar den Allerersten in meiner bisherigen Reisen. Wieso war ich vorher noch nie darauf gekommen, auch mal eine Massage zu buchen? „Du musst aber vorher dort anrufen und einen Termin buchen. Aber sag mal, wie war war es in den Bergen heute? Es hat den ganzen Tag nur geregnet. Du siehst ein wenig fertig aus, wenn ich das so sagen darf.“ Das durfte er natürlich und es stimmte sogar. „So richtig in den Bergen war ich nicht. Ich blieb die ganze Zeit unterhalb des Massivs, im Nebel hätte ich mich dort völlig verirrt und wäre vielleicht abgestürzt“, erklärte ich meine Situation. „Vielleicht versuchst du es ja noch einmal bei besserem Wetter. Die nächsten Tage soll es trocken bleiben!“ Ich war mir noch nicht sicher, ob ich ein weiteres Mal dort hingehen würde, aber freute mich gleichzeitig über die Tatsache, dass ich die Wahl hatte. „Ja, ich würde nur zu gern noch einmal im Trockenen dort hoch.“ Dann machte sich mein Magen bemerkbar, der so laut knurrte, als ob er sich darüber beschweren wollte, dass ich ihn die letzten Stunden ignoriert hatte. „Chaim, du bist doch schon zwei Tage hier, meintest du eben. Ich muss noch etwas essen. Hast du einen Tipp für mich?“, fragte ich. „Geh ins „Casa Rustica“. Da gibt es traditionelles Sarmale. Das sind so Kohlrouladen mit angebratener Polenta.“ Gesagt, getan. Ich wünschte Chaim einen schönen Abend und ging einige hundert Meter weiter die ruhige Straße herunter, bis ich ein Haus mit einer hölzernen Veranda davor entdeckte. Darüber stand in leuchtenden Lettern „Case Rustica.“ 

Davor standen ein paar Leute mit Kindern, die mit Werbe-Pappfiguren am Eingang spielten. Als ich dann die Tür öffnete, schallte mir wie aus dem Nichts schnelle Violinenmusik entgegen, im gleichen Stil wie in dem LKW von Gelu und Sava im Apuseni-Gebirge. Das Restaurant war simpel in weiß gehalten und sah aus wie ein Fachwerkhaus von innen mit dicken braunen Balken. Es gab weiße Tischdecken mit den typisch rumänischen Verzierungen, die man auf traditioneller Kleidung auch immer sieht. Ich saß so, dass ich Sicht auf die Bar hatte. Links davon führte eine offene Tür in einen größeren Saal, was man am leichten Echo der Stimme des Djs hörte. Immer wieder sagte er etwas auf einer Sprache, die ich selbstverständlich nicht verstand. Ich schaute um mich. Im Vorderraum des Restaurants saßen normale Besucher, während an der Tür zu dem Saal festlich gekleidete Menschen standen. Sie unterhielten sich angeregt, aber mit einer ganz anderen Mimik und Gestik, wie ich es von Gesprächen gewohnt war. Ich bestellte die von Chaim vorgeschlagene Sarmale und lieh mir von der Kellnerin einen Zettel ihres Bestellblocks, sodass ich meine Eindrücke festhalten konnte. Ich drückte den Stift auf den kleinen Zettel und musste winzig klein schreiben, damit ich den Raum auf dem Papier optimal nutzen konnte und nichts unentdeckt ließ.

Am Eingang des Raumes saß eine Familie, die aussah, als ob sie gerade hier Urlaub macht. Die zwei Kinder aßen ein Eis und man sah den Eltern an, dass sie in Gedanken schon im Bett waren. Was sie an dem Tag wohl erlebt hatten? Links vor mir in einer kleinen Ecke saß ein Herr alleine am Tisch. Sein Bauch lugte ein wenig unter seinem dicken Wollpulli hervor und über seinem grauen Haar trug er eine Schiebermütze. Er machte einen zufriedenen, satten Eindruck und schaute interessiert durch den Raum. Sein Mund bewegte sich, als ob er etwas kaute, wobei auf dem Tisch jedoch kein Essen mehr stand. Ich beobachtete das eine Weile aus dem Augenwinkel. Er erinnerte mich ein wenig an Leute die ein Gebiss tragen aber dieses gerade nicht im Mund haben. Dann bewegte sich der Kiefer immer leicht nach oben und unten, in etwa wie ein Nuckeln an einer Flasche. Er wippte mit dem Fuß auf und ab und bewegte seinen Kopf immer wieder unauffällig im Takt der Musik. Auch er genoss anscheinend die heitere Stimmung im Saal nebenan. 

Dann richtete sich mein Blick auf die Hochzeitsgäste, die immer wieder dort heraus an der Bar erschienen, ja beinahe stolperten. Eine Gruppe von fünf Männern kam heraus, die wie Gangsterbosse aussahen. Sie setzten sich an den Tisch neben mir und diskutierten über offensichtlich wichtige Dinge, die verhandelt werden mussten. Einer dieser Männer erzählte etwas und die anderen vier hörten ihm respektvoll zu. Er sah aus wie ein Mafiaboss mit viel goldenem Schmuck am Körper. Besser hätte eine Filmszene in einem Hinterzimmer bei der Cosa Nostra nicht gespielt werden können, mit dem Unterschied das dies nicht gespielt war. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, zündete er sich mit einem Streichholz eine Zigarre an, dessen Rauch im Sparbirnenlicht der Lampe über ihm hängen blieb. Dann erschien ein junger Mann mit einer Frau im Arm neben der Bar. Die beiden sahen noch sehr jung aus, vielleicht waren sie noch nicht einmal achtzehn. Er trug einen viel zu großen, royalblauen Anzug, der seine Körperform wie ein lupenreines Rechteck aussehen ließ. Sie trug ein knielanges, pinkes Kleid, was unglücklicherweise zwei Nummern zu klein war. Mit einem runden, schwarzen Hut, loser Krawatte und gleichzeitig einer Fliege, die locker um den Hals hing, erinnerte er mich eins zu eins an den ehemaligen Präsidenten des Irans, Mahmut Ahmadinedschad. Dessen Anzüge waren meiner Meinung auch immer zu groß. Sie erinnerte mich an eine scripted reality – Show, in der es um shoppen geht. Er hatte nur noch einen Schneidezahn, der vergoldet im Licht der Theke blinkte, als er sich mit ihr unterhielt. Sie hielt eine strassbesetzte Handtasche in der Hand.

Ich hätte nur zu gerne einen Blick in den Saal geworfen, jedoch hätte ich auch nicht gewollt, dass willkürlich Leute auf meiner Party erscheinen. Endlich kam mein Essen, bei der statt den Kohlrouladen die angebratene Polenta die Hauptrolle spielte und mich in die luxuriöse Situation versetzte, während des Essens weiterhin das Schauspiel, was keines war, beobachten zu dürfen. Alle paar Sekunden torkelten andere Gäste durch die Tür. Der Höhepunkt und ja, vielleicht sogar die Katharsis bestand daraus, dass vier Personen einen betrunkenen älteren Herrn wie im Film aus dem Saal an mir vorbei trugen, als ich gerade mit dem Essen fertig war. Der Herr protestierte nicht dagegen, dass man ihn heraus trug sondern redete viel eher mit seinen Trägern, als ob nichts passiert wäre. Seine Träger nickten ihm freundlich zu ächzten aber gleichzeitig unter dem Gewicht. Als ich mein Getränk leerte, sah ich, wie die Mitarbeiter etwas genervt an den Reglern der Musikanlage drehten. Sie schalteten die Lautstärke herunter und spielten eine altbekannte Schnulze aus einem Liebesfilm, kurz: Rausschmeißermusik.

Schon veränderte sich die Stimmung. Die Gäste verließen nach und nach das Casa rustica zu italienischen und spanischen Schmachtfetzen und auch für mich war es Zeit, nach Hause zu gehen. Selbst der Mann im Wollpulli machte sich mit einem breiten Grinsen auf den Weg nach Hause. Er nickte mir zufrieden zu, als er seine Jacke anzog. Ich suchte noch einen letzten Augenkontakt zu der Mafiagruppe am Tisch, den ich dann vom mir ernannten Boss höchstpersönlich erhielt. Mit einem möglichst entschlossenen und respektvollem Kopfnicken verließ ich den Raum und ging über die leer gefegte Straße zurück in meine Unterkunft. Chaim schlief bereits und bei einem Blick auf die vergilbte Uhr, die über der Tür hing, bemerkte ich, dass es bereits nach zehn Uhr war. „Was für ein Tag“, murmelte ich und wurde von dem Gästebett förmlich aufgesogen. Ich schloss die Augen und wie so oft zuvor auf dieser Reise wurde mir erst jetzt bewusst, was an diesem Tag alles passiert war. Ein wenig stolz darauf, dass ich alles gut überstanden hatte und nun mit vollem Bauch im warmen Bett liegen konnte, schloss ich die Augen und schlief auf der Stelle ein.

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