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Unbekanntes Okzitanien

von Andreas Hünnebeck

Tipps

Von den Vulkanen der Auvergne bis zu den Felsen des Quercy

Es ist Mitte Juli und drückend heiß in Münster. Schon am Vorabend der Reise steht unser Wohnmobil, voll beladen, vor dem Haus. Die gemütliche Rundsitzgruppe im Heck ist vorbereitet, die Vorräte verstaut und die Vorfreude groß.

Frankreich besitzt Regionen, die selbst unter erfahrenen Wohnmobilreisenden noch als Geheimtipp gelten und vom Massentourismus weitestgehend verschont blieben. Unsere Strecke zwischen Le Puy-en-Velay und Cahors gehört zweifellos dazu. Auf rund 370 Kilometern verbindet sie einige der schönsten Landschaften des französischen Zentralmassivs mit historischen Pilgerorten, mittelalterlichen Dörfern und spektakulären Flusstälern. Wir werden dieser Route folgen und reisen durch das Herz des alten Frankreichs - von den grünen Vulkanlandschaften der Auvergne über die kargen Hochebenen des Aubrac bis zu den sonnenverwöhnten Kalksteinfelsen des Quercy.

Rund 1.100 Kilometer Anreise liegen vor uns. Da der Sommerabend inzwischen angenehm abgekühlt ist, beschließen meine Frau und ich, noch am selben Tag aufzubrechen. Die ersten Kilometer rollen wir im entspannten Tempo dahin. Irgendwo kurz hinter Luxemburg verlassen wir die Autobahn und finden auf einem dörflichen Kirchplatz eine ruhige Ecke für die Nacht. Einige Stunden Schlaf unter dem Sternenhimmel, der uns durchs Dachfenster im Alkoven anstrahlt, stimmen uns auf die kommenden Wochen ein.

Le Puy-en-Velay - Startpunkt der Jakobspilger

Am frühen Abend des nächsten Tages erreichen wir Le Puy-en-Velay. Die historische Stadt gilt als eines der bedeutendsten Pilgerzentren Frankreichs und ist Ausgangspunkt der Via Podiensis (GR 65), dem wohl schönsten der vier großen französischen Jakobswege.

Kaum ein Ort verkörpert die Geschichte des Jakobsweges so eindrucksvoll. Die Altstadt schmiegt sich an vulkanische Felstürme, über denen weithin sichtbar die Kathedrale, Kirchen und die riesige Madonnen-Figur thronen. Kopfsteinpflastergassen, historische Fassaden und lebhafte Straßencafés sowie zahlreiche Pilger prägen das Stadtbild.

Unser Wohnmobil stellen wir auf dem zentral gelegenen Campingplatz ab, von wo aus sich die Altstadt bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden lässt. Schon beim ersten Rundgang begeistern uns die verwinkelten Gassen, die eindrucksvollen Kirchen und die lebendige Gastronomie, die wir ausgiebig testen.

Besonders beeindruckend ist Le Puy am Abend. Sobald die Dunkelheit einsetzt, werden die historischen Gebäude kunstvoll beleuchtet und verleihen der Stadt eine beinahe magische Atmosphäre.

Da wir etwas Pilgerluft schnuppern möchten, besuchen wir um 07:00 Uhr die allmorgendliche Pilgermesse in der hoch über der Stadt thronenden Kathedrale. Andächtig, aber auch gespannt verfolgen die Pilger aus allen Herren Ländern die Messe und erhalten den Segen für die 1.500 Kilometer, die vor ihnen liegen. Zum Schluss wird jeder in seiner Landessprache persönlich verabschiedet. Seit über tausend Jahren brechen von hier Menschen nach Santiago de Compostela auf. Wir begnügen uns mit einer Tageswanderung auf dem Jakobsweg und genießen die besondere Stimmung entlang der historischen Route.

Le Malzieu-Ville - Ein Bilderbuchdorf an der Truyère

Nach 3 Nächten geht es 75 Kilometer weiter südwestlich in die Region Mageride. Hier verändert sich die Landschaft. Aus dem schwarzen Vulkangestein des Velay werden Wälder, Wiesen und sanfte Hügel. Mitten darin liegt Le Malzieu-Ville, eines der charmantesten Dörfer der Gegend.

Von mächtigen Stadtmauern umgeben, wirkt der Ort wie eine Filmkulisse. Fachwerkhäuser, kleine Plätze und blumengeschmückte Gassen laden uns zum Flanieren ein. Der nahegelegene Wohnmobilstellplatz direkt an der Truyère bietet ideale Voraussetzungen für einen entspannten Aufenthalt am Fluss oder im Dorf. Nach der eher trubeligen Stadt, ein willkommener Ruhepol. Denn wer Ruhe sucht, findet hier einen jener seltenen Orte, an denen die Zeit scheinbar langsamer vergeht.

Wir genießen den Bummel durch den Ort und finden ein kleines Restaurant im Schatten der Stadtmauern. Vielleicht ist es ja noch ein wenig früh am Tag, aber der leckeren Käse-Schinken-Platte und ein, zwei Gläschen Vin rosé de la maison Können wir nicht widerstehen.

La Canourgue - Das kleine Venedig der Lozère

Und es sind wieder nur ca. 60 Kilometer südlich, wo uns La Canourgue erwartet. Das mittelalterliche Städtchen trägt nicht ohne Grund den Beinamen Klein-Venedig der Lozère. Zahlreiche Wasserläufe durchziehen den Ort, kleine Brücken verbinden die historischen Häuser. Dieses mittelalterliche Städtchen wurde nicht am Flüsschen L`Urugno gebaut, sondern quasi darauf. Brücken, Kanäle und plätschernde Bäche durchziehen das historische Zentrum und verleihen dem Städtchen seinen unverwechselbaren Charakter.

Der Wohnmobilstellplatz liegt nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt. Zwar bietet er wenig Schatten, dafür aber einen idealen Ausgangspunkt für Erkundungen. Hier begegnen wir erstmals dem Fluss Lot, der die Landschaft der kommenden Reisetage prägen wird.

Saint-Côme-d'Olt - Unser Lieblingsort am Lot

Nur ein Katzensprung von 50 Kilometern, denen wir dem Lot in Richtung Westen folgen, und wir erreichen dort einen der schönsten Plätze unserer Reise: Saint-Côme-d'Olt. Das Dorf zählt offiziell zu den schönsten Dörfern Frankreichs und begeistert mit seinem historischen Ortskern, einer wunderschönen Kirche, mit spiralförmigem Turm und seiner entspannten Atmosphäre.

Direkt am Lot und fast noch im Dorf finden wir auf dem gemütlichen Campingplatz Bellerive für mehrere Tage unser Zuhause. Er ist der ideale Ausgangspunkt für abendliche Spaziergänge ins Dorf, Kanutouren, Radtouren oder Wanderungen. Oder dem Besuch der regelmäßig stattfindenden Märkte. Die Lage am Fluss ist traumhaft. Immer wieder verbringen wir im und am seichten Flusswasser unsere Zeit und genießen die Ruhe und Abkühlung in der Sommerhitze. In nur wenigen Metern Entfernung überquert die mittelalterliche Brücke den Lot. Wenn morgens die Sonne noch ganz tief steht, fallen lange Schatten der Pilger auf unseren Platz, während sie gemächlich die Brücke queren. Sie sind zum Schutz vor Hitze früh unterwegs und haben noch viele Wochen vor sich. Also kein Grund zur Eile.

Wir nutzen die Möglichkeiten für die schier unbegrenzten Ausflugsmöglichkeiten. Mit den Fahrrädern erkunden wir nahe gelegene Dörfer, wie Espalion, Estaing und Bozouls. Die Radwege sind gut ausgebaut und gehören zu den schönsten Strecken der Region. Bozouls erreichen wir mit dem Rad vom 5 Kilometer entfernten Espalion. Es geht über eine alte, einsam gelegene Bahntrasse, die sich durch dichte Wälder, Wiesen und weit gespannte alte Brücken zieht. Zum guten Schluss werden wir überrascht mit einem spektakulären Canyon, der sich mitten durch die Stadt Bozouls zieht.

Auch zu Fuß entdecken wir die Landschaft. Die einsame Wanderung auf dem Jakobsweg über den Bergkamm nach Espalion und am Ufer des Lot zurück, bietet uns herrliche Ausblicke auf Fluss, Felder und die umliegenden Hügel.

An einem besonders heißen Tag mieten wir uns am Campingplatz ein Kanu. Links und rechts des Lots stehen dichte Baumreihen. Sie spenden kühlenden Schatten auf den mäandernden Fluss.

Wenn wir die Abende nicht am Womo verbringen, gehen wir die paar Meter zum historischen Marktplatz, der in wunderschönem gelben Licht erscheint, und gönnen uns zum Abschluss des Tages in gemütlicher Atmosphäre noch ein leckeres, goldgelbes Bière artisanale.

Nach ein paar Tagen fällt es schwer, die Idylle in Saint-Côme-d'Olt und den Campingplatz zu verlassen.

Conques - Eine Reise ins Mittelalter

Es geht weiter und nach etwa 50 Kilometern erreichen wir Conques. Spätestens hier fühlen wir uns endgültig ins Mittelalter versetzt. Wie eine Muschelschale (coquillage) klebt das Dorf an den steilen Hängen des engen Tales. Die steinernen Häuser, die verwinkelten Gassen und die mächtige Abteikirche schaffen eine einzigartige Atmosphäre.

Unser absolutes Highlight ist der Besuch der Kathedrale Sainte-Foy am Abend. Nach der allabendlichen Pilgermesse genießen wir das beeindruckende Orgelkonzert zweier Mönche. Moderne und klassische Musik verschmelzen mit einer farbenprächtigen Lichtinszenierung im Rhythmus der Musik. Schon die ersten Töne lassen uns gespannt zurücklehnen, während sie vom Gewölbe, den Steinwänden und Säulen widerhallen. Ein unvergleichliches Erlebnis. Zum besonderen Abschluss wurde anschließend das berühmte Tympanon der Kirche kunstvoll mit Lasern beleuchtet und erläutert.

Kulinarisch erleben wir eine weitere Besonderheit. Auf der Terrasse eines kleinen Restaurants haben wir den schönen Blick über das Dorf und probieren Aligot, eine Spezialität aus dem Aubrac - eine köstliche Mischung, bei der Kartoffeln auf geschmolzenem Käse, Muskat, Salz, Pfeffer und Knoblauch treffen. Das Ganze wird zu einem seidigen Püree, das mit grober Bratwurst serviert wird.

Um Conques aus einer anderen Perspektive zu erleben, geht es am nächsten Tag zu Fuß auf die gegenüberliegende Seite des Tales. Unser Ziel ist die Chapelle Sainte-Foy. Der anstrengende, steile Aufstieg wird mit wunderbaren Ausblicken auf das Tal und die historische Pilgerstadt belohnt. In früheren Zeiten haben, die in Gruppen wandernden Pilger hier eine kleine Glocke zum Abschied aus Conques geläutet und erhielten eine Antwort von der Kathedrale. Wir haben es versucht, aber vergeblich auf die Antwort gewartet.

Saint-Cirq-Lapopie - Frankreich wie aus dem Bilderbuch

Auf kleinen Nebenstraßen folgen wir dem Lot westwärts. Zahlreiche schöne Dörfer liegen entlang der Strecke, doch keines beeindruckt uns so sehr wie Saint-Cirq-Lapopie.

Besonders reizvoll ist die Anreise zu Fuß entlang des Lot. 5 Kilometer westlich des kleinen Ortes laufen wir den Chemin de Halage. Teilweise ganz in die Felsen geschlagen und mit Kunstwerken verziert, führt uns der Treidelpfad durch die beeindruckende Flusslandschaft und eröffnet uns einen ersten Blick auf das Dorf, der zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.

Als sich die ersten Häuser über den Felsen zeigen, verstehen wir sofort, warum Saint-Cirq-Lapopie zu den Beaux Villages de France zählt. Hoch über dem Lot thront die vollständig denkmalgeschützte Ortschaft auf einer steilen Felsklippe. Die mittelalterlichen Häuser scheinen direkt aus dem Kalkstein herauszuwachsen. Enge Gassen führen vorbei an Künstlerateliers, kleinen Boutiquen und Aussichtspunkten mit spektakulären Panoramen. Wir genießen das Ambiente mit unserem leckeren Picknick und Rotwein auf den Stufen des Brunnens mitten im Ort.

Cahors - Krönender Abschluss im Quercy

Nur wenige Kilometer weiter erreichen wir Cahors, den westlichsten Punkt unserer Reise.

Am Ende der Reise wartet mit Cahors eine lebendige Stadt voller Geschichte. Wahrzeichen ist die Pont Valentré, eine der besterhaltenen mittelalterlichen Brücken Europas und ein Meisterwerk der Wehrarchitektur.

Auch hier brauchen wir mehr als einen Tag. Die Altstadt, an drei Seiten umgeben vom Lot, begeistert uns mit engen Gassen, historischen Gebäuden aus vielen Jahrhunderten und einer imposanten Kathedrale. Immer wieder entdecken wir auf unseren Spaziergängen Neues. Auf dem großen Wochenmarkt, der für uns zu den schönsten Frankreichs gehört, präsentieren regionale Produzenten die Spezialitäten des Quercy - von Trüffeln über Ziegenkäse bis zu den berühmten Weinen der Region. Wir kaufen üppig ein, schlendern ein letztes Mal zur Pont Valentré, breiten die Köstlichkeiten vor uns aus - und genießen.

Hier endet unsere Reise entlang der Via Podiensis. Hinter uns liegen rund 370 Kilometer voller beeindruckender Landschaften, mittelalterlicher Dörfer, gastfreundlicher Menschen und idyllischer Stellplätze.

Von den vulkanischen Höhen der Auvergne bis zu den Kalksteinfelsen des Quercy haben wir eine Region kennengelernt, die Frankreich von einer besonders ursprünglichen und authentischen Seite zeigt. Als wir schließlich die Autobahn Richtung Heimat einschlagen, steht für uns bereits fest: Das war nicht unser letzter Besuch auf den Spuren der Jakobspilger.

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