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Zu Pferd durch die Rumänischen Karpaten

von Christian Frasch

Tipps

Nach dem Motto: "Auf fremden Pferden fern der Heimat", sollte es dieses Jahr für zwei Wochen im Sattel durch die Rumänischen Karpaten gehen.

Als sehr spannend erwies sich die Frage, ob die Situation rund um die Corona Pandemie diesen Reiturlaub und die Anreise überhaupt zulassen würde.

Umso glücklicher waren wir, als wir schließlich meinen alten VW Bus am vereinbarten Treffpunkt in Gheorgheni (Nicklasmarkt im früheren Siebenbürgen) abstellten.

Für die Fahrt dorthin hatten wir uns drei Tage Zeit gelassen, wobei wir die Salzseen in Ocna Sibiului (Salzburg) nicht links liegen lassen konnten. Einer von diesen hat ein Salzgehalt von 400 g je Liter. Das sind 50 g mehr Salz als im Toten Meer. So luden die Seen uns dazu ein, uns ohne jedwede Schwimmbewegung im Wasser treiben zu lassen.

Am vereinbarten Treffpunkt luden wir schließlich unser Gepäck in einen Landrover um. Mit diesem ging es über ausgewaschene, steinige Wege zum Gehöft von Csaba und Kathrin, von wo aus der abenteuerliche Ritt los gehen sollte.

Den vielleicht abenteuerlichsten Moment sparte der Ritt sich bis zum letzten Ritttag auf:

Vor mir ritt unser Guide Csaba. Der Pfad wurde immer steiler und ich sah wie Csaba sich in die Steigbügel stellte und nach vorne lehnte. Ich tat es ihm gleich griff in Sammys Mähne und lehnte mich in den Bügeln stehend auch nach vorne. So ermöglichte ich es der Stute, ihre Hinterbeine weiter nach vorne zu setzen und erleichterte ihr damit den Anstieg. 

Csaba ließ seinen Blick prüfend über das vor uns liegende, ansteigende Gelände schweifen. Er schaute, ob es eine Möglichkeit gab, abseits des steilen Pfades den Hang in Serpentinen durch die Wiese hinauf zu reiten.

Da sah ich ihn stehen. Keine vierzig Meter entfernt stand er oberhalb von uns auf einem Felsen und beobachtete uns.

Ein Bär!

Sah Csaba diesen nicht? Er schien weiterhin auf dem Boden nach einen etwas weniger steilen Anstieg zu suchen.

Ein Bär!“, rief ich mit unterdrückter Stimme. 

Nun, blickte auch Csaba in Richtung des Bären. Dieser trottete indes in Richtung des hinter den Felsen liegenden Gehölz.

Fast schwarz war sein Pelz. Wären wir in Amerika und nicht in den rumänischen Karpaten gewesen, hätte ich ihn für einen Schwarzbären halten können. Aber, da war noch der deutlich erkennbare Buckel zwischen seinen Schultern - das Kennzeichen eines Braunbären.

Dieser Augenblick, war für mich der krönende Abschluss des knapp zweiwöchigen Rittes hier in den Karparten. Auch, wenn er viel zu flüchtig war, um auch nur daran zu denken, ihn auf einem Foto fest zu halten.

Anders war es an dem reitfreien Rasttag gewesen. Auf dem ersten der beiden Ausflüge, die wir mit dem Trossauto und einem weiteren Fahrzeug machten, trafen und fotografierten wir Johnny. Mit seinen gut zwei Jahren lebte er noch nicht lange von seiner Mutter getrennt. Er hielt sich im Wald direkt neben der Straße auf und immer wieder hielten Autofahrer an, um ihn zu fotografieren oder ihm etwas fressbares aus dem Autofenster zu zuwerfen. 

Möglicherweise wurde so ein weiterer Bär herangezogen, den es später in die Ortschaften der Gegend ziehen würde, um dort nach Futter zu suchen. In diesen sah man immer wieder Gartenmauern, Eingangstüren und Fenster an denen Elektrodrähte, die Bewohner und Ladenbesitzer vor Besuch durch Bären bewahren sollten.

Am Abend des Rasttages ging es dann noch zu einer Bärenbeobachtung. Bei dieser konnten wir zusammen mit anderen Touristen von einer Blockhütte aus durch eine Dicke Glasscheibe zwei Bären beobachten und fotografieren. Diese waren zuvor mit Futter (Mais) angelockt worden. Ein wenig erinnerte mich das an einen Zoo. Nur das wir drinnen saßen und die Bären draußen in Freiheit waren.

Im ganzen legten wir in den elf Ritt-Tagen knapp 300 km zurück. Unterwegs übernachteten wir drei Mal in einfachen Pensionen, zwei Mal in Schalfsackunterkünften und in sechs Nächten zelteten wir in freier Wildbahn.

Bei den meisten Übernachtungen wurden die beiden Stuten und einige der ranghohen Wallache mit Seilen an in die Erde gehauenen Pflöcken angebunden. Die Seile waren so lang, dass die Pferde über Nacht noch genug Freiraum zum grasen hatte. Die restlichen der 17 Pferde wurden über Nacht frei gelassen.

Sowohl die frei grasenden Pferde, als auch die angebundenen Pferde trugen Glocken um den Hals. Die Glocken sollten das wiederfinden der Pferde am nächsten morgen erleichtern.

Nach einem ereignisreichen Tag, im Zelt liegend, die Glocken der um das Lager herum weidenden Pferde zu hören, das wirkte wie ein Eindruck aus einer anderen Welt. Genau so wie die Bauern, die wir bei der Anreise vom Auto aus gesehen hatten, wie sie Ihr Heu mit Pferdegespannen einfuhren. 

In der ersten Zeltnacht auf dem Ritt weckte uns eines der Pferde, welches das Gras um unser Zelt ab rupfte. Da wir ein wenig Angst um uns und um unser Zelt hatten, begannen wir in Schlafsäcken liegend in die Hände zu klatschen und zu schimpfen. Worauf sich das Pferd einen anderen Platz zum stillen seines Hungers suchte.

Für die Zeltübernachtungen wurden einstündige Feuerwachen eingeteilt, die das für die Zubereitung des Abendessens entfachte Feuer die Nacht hindurch im Gange hielten. So sollten Bären und Wölfe von dem Lager und den Pferden fern gehalten werden.

Fast täglich sahen wir auf dem Pfad liegenden Bärenkot. An Stellen mit weicheren Boden sahen wir auch ein paar Mal frische Bärenspuren. Weniger präsent waren dagegen die Wölfe. Dass es sie dennoch hier gab, wurde uns bei Begegnungen mit Schäfern und deren Herden bewusst. Kaum waren wir in Sichtweite der Herde, kam uns ein halbes Dutzend bellender Hütehunde entgegen. Zum Glück blieben die Pferde ganz ruhig.

Als die Hunde nur noch wenige Meter entfernt waren sahen wir, dass einige von Ihnen Halsbänder mit nach außen gerichteten Stacheln trugen. Diese sollten Hals und Kehle im Falle einer Beißerei mit Wölfen oder verwilderten Hunden schützen. Beim Blick zur Herde sahen wir, dass diese von weiteren Hunden bewacht wurde. Tatsächlich gehörten zu jeder Herde mehrere Schäfer und ein gutes dutzend Hunde.

Genau so aufregend wie die Begegnungen mit den Hunden waren die mit frei weidenden Pferden. In beiden Fällen war es vorteilhaft einen Knüppel oder eine gertenförmigen Zweig dabei zu haben, mit dem man drohend fuchteln konnte. Für den Fall der Eskalation hatte Csaba eine Peitsche am Sattel. Zum Glück eskalierte keine dieser tierischen Begegnungen so, dass Csaba die Peitsche brauchte.

An den ersten Ritt-Tagen wurde die hügelige Landschaft von Fichtenwäldern dominiert, später von Buchenwälder, die von ausgedehnten Bergwiesen unterbrochen waren. An den letzten Tagen, als es an schroffe Felsen vorbei und über almartige Wiesen hinweg ging, erreichte die Tour ihren landschaftlichen Höhepunkt.

Beim Erreichen der meisten Lagerplätze und Quartiere war vor uns schon Kathrin mit Geländewagen, Anhänger und unserem Gepäck vor Ort.

Anders war dies bei einer der Zeltübernachtungen. Auf dem Ritt zu dieser und der Folgeetappe ritten wir nicht nur, wie an den anderen Tagen mit Vorderpacktaschen, sondern auch mit Hinterpacktaschen. In denen war unser persönliches Gepäck für die Nacht verstaut. Unsere Zelte, die Kochutensilien, die Motorsäge und Lebensmittel wurden auf diesen beiden Etappen mit Packsätteln von Gaszi und Vidám getragen. Auf den vorausgegangenen Etappen waren die beiden Wallache ungesattelt und frei mit uns mit gelaufen.

Auch auf den letzten beiden Etappe ritten wir wieder mit Hinterpacktaschen, um unsere Schlafsäcke, Wechselkleidung und Waschzeug am Pferd mit dabei zu haben. Unser letztes Quartier auf dem Ritt war eine Berghütte, die nur nur zu Fuß oder im Sattel erreichbar war. Da wir die Nacht in der Hütte verbrachten und auch in dieser versorgt wurden, liefen Gaszi und Vidám, so wie auf den meisten Etappen, wieder ungesattelt mit uns mit.

In Teilen war der Urlaub für einige von uns aber auch eine Grenzerfahrung. Die Tagesetappen waren zwischen viereinhalb und achteinhalb Stunden lang. Oft ging es auf diesen steil bergan und bergab. Beim Reiten im Wald musste immer wieder unter tief hängenden Ästen hindurch getaucht werden. An besonders unwegsamen abschnitten führten wir unsere Pferde. 

Und bei Ankunft an den Lagerplätzen gab es noch einiges zu erledigen, bis wirklich Feierabend war.

Denn zunächst einmal standen Absatteln, das Waschen der Pferderücken und das Tränken der Pferde auf dem Programm. Bei geeignetem Wetter kam noch das ausbreiten der Satteldecken zum trocknen hinzu. Weiterhin musste noch Feuerholz gesammelt werden, bevor wir schließlich unsere Zelte aufbauen und für die Nacht einrichten konnten.

An vieles war ich von meinen früheren Ritten gewohnt.

Echte Problem bereitete mir hingegen beim bergab Führen der Pferde eine frühere Sportverletzung in meinem linken Knie. Auch, wenn mich diese in den letzten Jahren auf meinen teils abenteuerlich Reisen wenig störte (von einigen berichtete ich hier schon), stieß ich diesmal an meine Grenzen. Neben Sattelfestigkeit in allen drei Gangarten war es ebenso wichtig, zu Fuß tritt-sicher in mittelschweren Alpinen Gelände zu sein (unbefestigte, steinige, steile Pfade und zum Teil loser Untergrund).

Mit dieser Erfahrung kann ich nur an alle appellieren: Macht Euch an die Realisierung Eurer Träume, so lange ihr gesundheitlich dazu in der Lage seid und wartet nicht, bis es irgendwann zu spät ist …

Nachtrag: Nach dem Urlaub habe ich mir eine Kniebandage, mit Streben und Gelenken besorgt. Mit diesem war ich in bergigen, unwegsamen Gelände unterwegs, ohne Probleme mit meiner alten Sportverletzung zu bekommen.

Vielleicht ist es ja doch noch nicht zu spät für weitere Abenteuer …