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Pilgern auf dem Küstenweg - Der Jakobsweg von Porto bis Santiago de Compostela

von Joshua Knieriem

Tipps

Unsere Reise auf dem Jakobsweg begann am 21. August 2025 in Porto, ohne genau zu wissen, was uns wirklich erwartete. Gemeinsam mit meiner Freundin Pauli startete ich auf dem Küstenweg (Camino Portugues da Costa) mit dem Ziel, bis nach Santiago de Compostela zu laufen. Uns war bewusst, dass es anstrengend werden würde, aber wie sehr dieser Weg uns körperlich und mental fordern und gleichzeitig so stark bereichern würde, hätten wir vorher niemals gedacht.

Schon am ersten Tag wurde klar: Das hier ist kein Spaziergang. 30 Kilometer, dazu ein Rucksack mit etwa 10 Kilogramm Gepäck, und die Beine fühlten sich bereits nach wenigen Stunden an, als hätten sie genug für eine ganze Woche. Die Hitze machte es zusätzlich schwer. Trotzdem ging es weiter, Schritt für Schritt, immer mit dem Gedanken im Kopf: Irgendwann wird es leichter. 

Was uns dabei sofort auffiel: Auf dem Jakobsweg ist man nie wirklich allein. Bereits nach den ersten Etappen trafen wir viele andere Pilger*innen aus aller Welt. Manche waren nur kurz da, andere begleiteten uns mehrere Tage. Es war faszinierend, wie schnell man ins Gespräch kam. Oft reichte ein einfaches ?Buen Camino? oder ein kurzes Lächeln - und plötzlich lief man eine Stunde gemeinsam und sprach über das Leben, Reisen, Ziele oder einfach nur darüber, wie sehr die Füße weh tun.

Im Durchschnitt liefen wir etwa 25 Kilometer pro Tag, was sich irgendwann wie ein eigener Alltag anfühlte: morgens früh aufstehen, Sachen packen, loslaufen, Pausen im Schatten, weiterlaufen, ankommen, duschen, essen, schlafen. Und am nächsten Morgen wieder von vorne. Der Weg wurde zu einer Routine - aber einer Routine, die sich irgendwie frei anfühlte. 
Eine der größten Herausforderungen war die Frage: Wo schlafen wir heute Nacht? Oft waren Hostels schnell voll, besonders, wenn man später ankam. Zum Glück hatten wir ein Zelt dabei. Das war nicht nur praktisch, sondern gab uns auch ein Gefühl von Sicherheit. Mehr als einmal konnten wir dadurch trotzdem übernachten - manchmal sogar direkt in den Gärten von Hostels, wenn drinnen kein Platz mehr war. Das war nicht nur eine Rettung in stressigen Momenten, sondern auch günstiger. Und irgendwie hatte es etwas Besonderes, abends erschöpft im Zelt zu liegen und zu wissen: Wir haben es wieder geschafft.

Die Tage waren heiß, lang und körperlich extrem fordernd. Blasen, Muskelkater und schwere Beine gehörten schnell zum Alltag. Trotzdem gab es immer wieder diese Momente, die alles aufgewogen haben: der Wind vom Atlantik, das Rauschen der Wellen, kleine Cafés am Wegesrand, stille Pfade durch Wälder oder Küstenwege, bei denen man das Gefühl hatte, man läuft direkt am Rand der Welt entlang.

Besonders beeindruckend war, wie freundlich und hilfsbereit viele Einheimische waren. Ein Moment blieb uns dabei besonders im Kopf: Ein kleiner Stand direkt am Jakobsweg, aufgebaut von einem Einheimischen, an dem es gegen eine Spende Obst, Getränke, Kaffee und Gebäck gab. Nicht als Touristenattraktion, sondern einfach aus purer Herzlichkeit. Dazu ein nettes Gespräch mit dem Besitzer - ein kurzer Moment, der uns mehr Energie gegeben hat als jedes Sportgetränk.

Auch der Übergang nach Spanien war ein Highlight: Irgendwann überquerten wir den Fluss und standen plötzlich auf der spanischen Seite. Ein neuer Abschnitt begann, aber die Stimmung blieb gleich: Pilger*innen überall, das gleiche Ziel, die gleiche Erschöpfung und trotzdem diese besondere Motivation, die man schwer erklären kann. Man ging weiter, auch wenn der Körper eigentlich längst Stopp sagte.

Abends war es oft am schönsten. Wenn man endlich angekommen war, die Schuhe ausgezogen hatte und sich mit anderen Pilger*innen zusammensetzte. Meist holten wir uns zusammen etwas zu essen, saßen irgendwo draußen oder im Hostel, quatschten über Gott und die Welt und lachten über Dinge, die man zu Hause wahrscheinlich nicht mal erzählen würde. Es war diese Mischung aus Müdigkeit, Zufriedenheit und Gemeinschaft, die den Camino so besonders gemacht hat. Aus Fremden wurden Freunde - manchmal für einen Abend, manchmal für mehrere Tage.

Und obwohl es hart war, blieb die Landschaft ständig ein Geschenk. Wir sahen wunderschöne Küstenabschnitte in Portugal und Spanien, liefen an Stränden vorbei, durch kleine Städte, über Feldwege und durch Wälder. Manche Abschnitte waren ruhig und meditativ, andere zogen sich endlos. Aber selbst die härtesten Etappen hatten irgendwann einen Punkt, an dem man dachte: Okay? Dafür lohnt es sich.

Am 02. September 2025, nach insgesamt 280 Kilometern, kamen wir schließlich in Santiago de Compostela an. Zu diesem Zeitpunkt waren wir völlig erschöpft - aber gleichzeitig voller Stolz. Als wir den Platz vor der Kathedrale erreichten, war es ein unbeschreibliches Gefühl. Überall saßen Pilger*innen, manche lachten, manche weinten, manche lagen einfach nur auf dem Boden und starrten in den Himmel. Es war pure Erleichterung. Pure Freude. Man spürte sofort: Alle hier haben gekämpft. Und alle haben gewonnen.

Insgesamt bin ich auf dieser Reise 430.419 Schritte gegangen. Eine Zahl, die erst einmal nur riesig klingt - aber wenn man daran denkt, was jeder einzelne Schritt bedeutet hat, bekommt sie plötzlich Gewicht. Jeder Schritt war Anstrengung. Jeder Schritt war Durchhalten. Und gleichzeitig war jeder Schritt auch Freiheit.

Rückblickend war der Jakobsweg nicht nur eine körperliche Herausforderung, sondern eine Erfahrung, die einen verändert. Man lernt, wie wenig man eigentlich braucht. Man lernt, wie stark man sein kann. Und man merkt, dass es manchmal nicht darum geht, wie schnell man irgendwo ankommt, sondern, dass man überhaupt weitergeht.

Der Camino war hart. Aber er war auch wunderschön. Und am Ende bleibt vor allem dieses Gefühl: Wir haben es geschafft! 

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