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Baumzelten auf Mallorca

von Jörg Knorr

Tipps

Kleine Steine knirschen unter meinen Sohlen. Dunstwolken kriechen durch die Wipfel der Baumkronen. Es hat gerade geregnet. Es ist Anfang November. Der Geruch feuchter Erde vermischt sich mit dem Duft der Pinien. Kein Fahrzeug ist mehr zu hören. Das Auto habe ich an der Straße zwischen Bunyola und Orient stehen lassen. Mein Ziel heißt: Laufen durch das Coanegra-Tal.

Wo Kaltduscher auf ihre Kosten kommen

Die Bergkette Serra Tramuntana zieht sich über mehr als 90 Kilometer an Mallorcas Nordwestküste entlang. Ihr höchster Gipfel, der Puig Major, liegt 1445 Meter über dem Meeresspiegel.

Statt einen Gipfel zu stürmen bin ich im Vall de Coanegra (Coanegra-Tal) auf dem Cami des Freu Richtung Santa Maria del Cami unterwegs. Ein alter Karrenweg verläuft entlang der für Mallorca so typischen Trockensteinmauern, die viele der Wanderwege und landwirtschaftlich genutzten Anbauflächen begrenzen. Rechts taucht ein Hinweisschild auf, das den Weg zu den Wasserfällen Salt des Freu weist. Kurz darauf kann ich schon hören, dass hier nicht nur ein kleines Bächlein vor sich hin plätschert. Das Wasser des Torrent d' Orient fällt zweimal hintereinander zehn Meter in die Tiefe. Kleinere Katarakte schließen sich an. Torrent bedeutet Sturzbach. Wenn es ergiebig geregnet hat, dann kann so ein kleines Gebirgsflüsschen tatsächlich zu einem reißenden Sturzbach werden. Hier macht der sonst zahme Fluss seinem Namen auch ohne Regen Ehre. Der Wasserfall vertreibt die Stille des Tals. Es scheint, als wollte sich eine gewaltige Naturkraft Aufmerksamkeit verschaffen wollen.

„Seht her, schaut mich an“, übersetze ich das Getose, das mir der Salt des Freu zuruft. Ich gehorche und staune. Manchen Menschen reicht es nicht, zu staunen. Sie suchen den direkten Kontakt mit der Natur und wohl auch den Kick, der Adrenalin-Schübe auslöst. Der Salt des Freu ist ein beliebtes Ziel für in Neopren gehüllte Kletterer, die sich von der oberen Kante des Wasserfalls abseilen, und dabei auf die harte Tour duschen wollen. Einer dieser Kaltduscher lässt sich gerade vor meiner Nase Stück für Stück im Wasserfall hinabgleiten. Jedem das Seine.

Die grüne Tramuntana

Der Wegweiser nach Santa Maria del Cami gibt mir die Richtung vor. Das nächste Teilstück verläuft etwas abseits des Flusses bergan durch den Gebirgswald, der die Ausläufer der Tramuntana beherrscht. Von gelb bis leuchtend orange strahlende Früchte an mannshohen Büschen wecken meine Aufmerksamkeit. Arbutus unedo lautet der lateinische Name des Gewächses. Mit dem deutschen Namen, Erdbeerbaum, kann ich mehr anfangen. Tatsächlich ähneln die dunkelorangefarbenen Früchte Erdbeeren. Der Westliche Erdbeerbaum gehört allerdings zur Familie der Heidekrautgewächse. Auch wenn die Früchte genießbar sind ist ihr Geschmack nur leicht süßlich und nicht mit Erdbeeren vergleichbar.

An einigen Stellen lichten sich die Bäume. Über stark erodierte Felsen klettere ich ohne meinen Rucksack bis an die Kante, von der der Fels steil ins Tal abfällt. Die Blicke, die sich hier auftun, sind umwerfend. Vor mir liegt ein nacktes grau, schwarz und gelb schimmerndes Felsmassiv, an dem sich die Pinien mit ihren Wurzeln in den Steinspalten festklammern. Dahinter reicht der Blick weit in das Tal hinein. Im Süden ist sogar das Mittelmeer zu erahnen. Die unteren Hügel der Gebirgskette sind von einem dichten grünen Waldteppich aus Pinien, Steineichen und Balearischen Bergkiefern bedeckt. Blühende Heidegewächse geben der Vegetation schöne Farbaccente. Die Serra de Tramuntane wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Ginge es nach mir, würde ich dieser Bergwelt den Titel auch in der Kategorie Natur zusprechen.

Bei Hans im Glück

Meine Schritte werden langsamer und auch etwas schwerer als das Casa de Son Roig, vor mir auftaucht. Alt, sehr alt sieht das sandfarbene verschachtelte Haus aus, das direkt am Torrent de Coanegra liegt. Hans Schödel, ein Bayer aus Starnberg wohnt hier seit zwei Jahren mit seiner Frau Clarissa, Tochter Emilia und den zwei Hunden Sunny und Enzio. Hans kommt mir entgegen und lächelt freundlich: „Na, siehst aus, als wenn du eine Pause gebrauchen könntest.“ Kurz darauf sitzen wir am Tisch vor seinem Haus bei einem Kaffee und plaudern. „So etwas habe ich lange gesucht und vor zwei Jahren endlich gefunden“, sagt der 57-jährige, streicht sich dabei mit der Hand über den Stoppelbart und deutet mit einer ausladenden Handbewegung auf sein Anwesen: „Das Haus wurde im 13. Jahrhundert gebaut. Unten fließt der Fluss hindurch und hat bis ins 19. Jahrhundert eine Getreidemühle angetrieben. Es gibt noch viel zu tun, aber das wird schon.“ 

Hans strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus. Seine Pläne lassen vermuten, dass viel Energie in ihm steckt. Clarissa und die zwei Hunde gesellen sich zu uns. „Heile Welt“, denke ich und bekomme sofort die Bestätigung: „Wir sind hier glücklich und glauben, dass das so bleiben wird.“ Mit einem Nicken und einem Streicheln über den Arm ihres Mannes bestätigt Clarissa das gemeinsame Glück, an dem ich eingeladen werde, teilzuhaben: „Kannst zwischen den Bäumen übernachten, wenn du willst“, bietet mir Hans im Glück an und zeigt dabei hinter sein Haus. „Wie, zwischen den Bäumen?“, frage ich etwas unsicher. „Komm mal mit“, fordert Hans mich auf und führt mich einige Schritte weiter. Zwischen seinem Haus und den Bäumen sehe ich ein mit Gurten gespanntes Zelt, das wie ein UFO zu schweben scheint. Von einer Steinmauer neben dem Haus darf ich für ein kurzes Probeliegen in das Zelt klettern und bin begeistert. „Zwei Nächte bitte, gebucht“, melde ich mich an.

Zwischen Mallorcas Bäumen

„Neun Uhr gibt’s Frühstück, gute Nacht“, ruft Clarissa mir zu, als ich spät abends aufgeregt mein abenteuerliches Domizil beziehe. Der dreieckige Zeltboden ist durch drei sternförmig verlaufende Gurte gespannt wie ein Trampolin. Meine Isomatte liegt parallel zu einer der Dreiecksseiten. Nach jeder Bewegung schwingt der Boden etwas nach, was sich gut anfühlt und mich an die schaukelnde Bewegung eines Kinderwagens erinnert, mit der Mama oder Papa den Nachwuchs in den Schlaf schaukelt.

Zwischen den Bäumen des Vall de Coanegra liege ich drei Meter über der Erde und komme mir vor als würde ich auf Wolke Sieben schweben. „Wenn du das Überzelt weglässt, kannst du die Sterne sehen“, hat Hans mir mit auf den Weg gegeben. Auf diesen Luxus muss ich verzichten. Der sachte Wind schaukelt mich wie ein fürsorglicher Vater in den Schlaf. Einige Regenschauer prügeln nachts auf mein Stoffdach ein. Das Überzelt hält sie zuverlässig ab. Ich fühle mich bestens aufgehoben und bin fast froh darüber, zwei oder dreimal vom Trommelfeuer des Regens geweckt zu werden. So nehme ich das gute Gefühl, sicher über Mallorca zu schweben, viel bewusster wahr.

Als ich morgens den Reißverschluss öffne und aus meiner schwebenden Plattform schaue verschwinden die letzten Wolken hinter den Bergen der Tramuntana. Die Sonne wirft ihre ersten grellen Strahlen ins Tal. Mit etwas Glück werde ich Mallorcas Sternenhimmel doch noch zu sehen bekommen.

Von Sternen bewacht

Hans führt mich über sein Anwesen, zeigt mir den Garten in dem Tomaten und Salat gedeihen und führt mich anschließend zu den Olivenbäumen, die etwas abseits von seiner Finka stehen. Dann hebt Hans seinen Arm und zeigt nach oben auf die Bergflanke, die gleich hinter dem Haus aufragt: „Willst du da oben schlafen. Da ist es noch stiller und die nächste Nacht soll klar bleiben.“ „Klar will ich“ und sehe mich schon in Mallorcas Sternenhimmel gucken. Zum Nachmittag kommt Biel, ein Freund aus Aloro vorbei, um im Garten etwas zu helfen. Biel, Hans und ich machen uns später auf den Weg, um nach einem 20-minütigem Aufstieg an einem perfekten Spot mit freiem Blick nach oben mein Zwei-Mann-Zelt, ein Tentsile „Connect“ aufzuspannen. 

Der blaue Himmel lässt tatsächlich auf eine klare Nacht hoffen. Biel und Hans machen sich auf den Rückweg während ich meine frei schwebende Bleibe einräume. Hin und wieder schallt das Bellen eines Hundes aus dem Tal. Ganz sachte Windzüge streifen durch die Pinien, als ich erwartungsvoll die nähere Umgebung meines Schlafplatzes durchstreife. Über dem Nachbartal zieht ein Milan seine Kreise. Mit etwas Glück kann man hier sogar Mönchsgeier beobachten. Anfang der 1980iger Jahre waren die großen Vögel hier fast ausgestorben. Eine Stiftung zum Schutz der Tiere setzte bis 1992 in Zoos und Zuchtstationen geborene Jungtiere aus und beschützte die Horste in denen die Geier brüteten. Das Projekt war erfolgreich. Etwa 160 Tiere zählt die Mönchsgeier-Population auf Mallorca heute. Der Vogel erreicht eine Flügelspannweite von knapp drei Metern.

Als es dunkel wird krieche ich in meinen Schlafsack. Die Sterne funkeln wie ein weit entferntes Lichtermehr, das sich über den Wipfeln der Bäume und den Gipfeln der Tramuntana aufspannt. Jeder Windhauch ist durch das dünne Maschengewebe auf dem Gesicht zu spüren. So gut kann sich Mallorca auch ohne Pool, Bar und Sonnenterrasse anfühlen. Die Stimmung hier oben über dem Tal nimmt mich so sehr gefangen, dass ich Mühe habe, einzuschlafen.

Vom Zelt ins Hotel

Mit Rucksack und Baumzelt auf dem Rücken stehe ich pünktlich zum Frühstück bei Clarissa und Hans auf der Matte. Frischer Kaffee und selbst gebackenes Brot stehen auf dem Tisch. „Na, wie wars?“ will Hans wissen. Mein breites Grinsen dürfte Antwort genug sein. Trotzdem schwärme ich ausschweifend von der letzten Nacht und bedanke mich bei Hans nochmals für die einmalige Erfahrung dort oben auf dem Berg. „Ich komme wieder“, verspreche ich Clarissa und Hans und mache mich auf den Rückweg.

Am Nachmittag beziehe ich ein geschmackvoll eingerichtetes Zimmer in dem familiengeführten Hotel Bonsol nicht weit weg von Palma de Mallorca. Dem Inhaber ist spürbar viel daran gelegen, dass seine Gäste sich wohl fühlen. Er wohnt selbst im Hotel und frühstückt jeden Morgen zusammen mit den Gästen, wie ich von einem der Angestellten erfahre. Als eingefleischter Zeltschläfer wird mein Kontrast-Experiment damit zu einer sehr angenehmen Erfahrung. „Sollte ich vielleicht öfter machen?“ schwirrt es mir durch den Kopf, als ich komfortabel gestärkt das Frühstücksrestaurant verlasse um meinen Rucksack für die Heimreise zu packen.

Infos

Tourdaten:

Länge: ca. 15 km (hin und zurück)
Reine Gehzeit: ca. 4 Stunden
Start/Ziel: Straße Ma-2100 (westlich von Orient)

Übernachten in Baumzelten:

In der Finka Son Roig
(hier kann man aber auch ein Gästezimmer buchen)